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RW.19
Max-Ernst-Gesamtschule, Köln

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The schoolyard of the Max Ernst Secondary School in Cologne Bocklemünd has a message: …Max, der Ernst des Lebens… /…Max the earnestness of life… The phrase was developed in collaboration with the students and refers to the school’s name giver and to Dadaist sound poetry. Almost every child in Germany begins his school career with the portentous words: Now life starts in earnest…

Installed | Location | GPS: 27-06-2012 | Max-Ernst-Gesamtschule, Köln, Germany | 50.979254,6.869216
Author | Words: Franziska Lettang + REMOTEWORDS | …MAX, DER ERNST DES LEBENS…
Roof Size | Font Size: 250qm | 2m high
On Air: Apple Maps 2013, Bing Maps 2014

 

 

 


Interview

„Mit Bildungschancen werden Lebenschancen vergeben.“  |  Eva Maria Rottlaender, Diplom Paedagogin, Koeln 2012

 

REMOTEWORDS: „Max, der Ernst des Lebens beginnt heute“. So oder ähnlich begannen Generationen von Kindern ihre Schullaufbahn. Muss Schule so sein?“

Eva-Maria Rottländer: Wenn die Kinder in die Schule kommen, ist es vorbei mit Spielen und Leichtigkeit. Jetzt muss gelernt werden, man sitzt den halben Tag in einem Raum, neben 32 anderen Kindern, aufgereiht in Reih und Glied, den Stift in der Hand und das Heft auf dem Tisch. Schreiben und Rechnen müssen gelernt werden und die Devise lautet: bloß nicht ins Hintertreffen geraten! Spielen, Spaß, Freude und Bewegung gibt es nur noch nach Stundenplan – in der Pause. Der gelernte Stoff ist eine „ernste Sache“, da muss man still sein und aufpassen. Und einmal angefangen setzt sich diese Weise des Lernens fort – Lernen ist Pflicht und die Erlangung eines guten Schulabschlusses lebensnotwendig, existentiell bedeutsam. Aus Kindern muß was werden, und was sie geworden sind, das kann man an den Schulabschlüssen ablesen. „Ohne Abitur geht heute nichts mehr“. Ich habe in einem Seminar in der Uni Köln eine Umfrage gemacht, was die Studierenden für Emotionen, Bilder, Gerüche, Farben und Gedanken mit „Schule“ verbinden. Diese Frage schien sie zu irritieren, weil ich sie nach der sinnlichen Seite ihres Schulalltages fragte. Eine nicht unübliche Reaktion, da die Ausklammerung des Sinnlichen in der deutschen Schule System hat. Ihre Antworten waren: Prüfungsangst, Notendruck, Zeitmangel. Lernen bedeutet für die ehemaligen Schüler „Stress“. Das Schulgebäude wurde als grau, dunkel, kalt, stickig und ungemütlich erinnert. Nur zwei ehemalige Schüler der Waldorfschule äußerten, dass sie Lernen als etwas Angenehmes, Spannendes und Schönes erinnern. Auch ihr Schulgebäude erinnerten sie als angenehm, warm, offen und freundlich. Die Waldorfschule und ihre Pädagogik verfolgen einen Ansatz „Lernen mit allen Sinnen“ im Einklang mit den Jahresrhythmen, die wie selbstverständlich eine adäquate Architektur mit einschließt. Andere Beispiele sind die Schulkonzepte von Maria Montessori oder Célestin Freinet oder neuere Schulkonzepte wie bspwl. die der evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck oder Hartmut von Hentigs Konzept der Laborschule in Bielefeld. In diesen Konzepten sind Schulen nicht nur Lern-, sondern auch Lebensorte – wo es nicht nur um die kognitive Lernleistung geht, sondern auch um das Miteinander: die Möglichkeit der Begegnung und des Rückzugs in Nischen, selbstgebauten Tunneln und Höhlen oder Klassen-Emporen.

REMOTEWORDS: Wo ist der „Denkfehler im System“?

Eva-Maria Rottländer: Ich sehe den Denkfehler des deutschen Schulsystems in der grundsätzlichen Auffassung, dass Lernen im Grunde genommen immer nur „kognitives Lernen“ bedeutet. An dieser Stelle findet eine sehr starke Reduzierung statt – nämlich auf die Wissensinhalte. Lernen wird dadurch zu Arbeit, Anstrengung, Stress. Die sinnliche Seite des Lernens fehlt – Emotionen, innere Bilder, Interessen, Bedürfnisse. Lernen ist doch eigentlich die reinste Freude! Es gibt doch nichts Schöneres, Spannenderes, Lebendigeres als Lernen! Wir Menschen sind von Beginn an auf Lernen programmiert. Wir können gar nicht anders: wir lernen sprechen, laufen, entdecken die Welt. Schiller sagte: „Spielen ist nicht das Gegenteil von Lernen, sondern genau dasselbe“. Und es zeigt sich- durch die IGLU- und PISA-Studien – dass die Kinder mit einer ungeheuren Lernfreude und Lebendigkeit in die Schule kommen. Aber in der weiterführenden Schule sitzen dann gelangweilte SchülerInnen und deren LehrerInnen klagen über mangelnde Leistungsmotivation und Aufmerksamkeit.

REMOTEWORDS: „Wie könnte man das konkret ändern? Wie könnte es weniger ernst zugehen?“

Eva-Maria Rottländer: Ich denke, da spielen viele Aspekte eine Rolle. Wesentlich ist die Einsicht, dass die Lehrpersonen die erste und wichtigste Lernumgebung für die SchülerInnen darstellen. In der Interaktion und Kommunikation mit den Lernenden wird die Atmosphäre geschaffen, in deren Rahmen Lernen geschehen kann. Ein zweiter wichtiger Aspekt, der damit einhergeht, ist die Einbeziehung der Beziehungsebene in den Lernprozess. Lernen findet immer in Beziehungen statt und letztendlich ist jeder Bildungsprozess ein Selbstbildungsprozess. Gerd Schäfer beschreibt dies zum Beispiel folgendermaßen: „Handeln, Empfinden, Fühlen, Denken, Werte, sozialer Austausch, subjektiver und objektiver Sinn müssen in Bildungsprozessen in Einklang gebracht werden“. Wenn Schule und Unterricht dieser Komplexität des Lernens Raum geben würden und neben den rekonstruktiven, dekonstruktiven Seiten auch die konstruktiven, innovativen Seiten des Lernens erscheinen lassen könnte – wird Schule weniger ernst sein. Dann wird sie lebendig – denn Lernen in Beziehungen meint auch die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Inhalt und mit den Lehrenden. Lebendiges Lernen in Zusammenhängen, die Sinn machen, kann dann auch kreativ sein – und damit weniger ernst.


Eva-Maria Rottländer, geb.1983, Studium der Diplom-Pädagogik, an der Universität Köln, 2006-2010 Lehrbeauftragte am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften, sowie am Institut für Anthropologie und Ethik. Z.Zt. Promotions zum Thema: „Das Dispositiv der Schule. Überwachen und Strafen im deutschen Schulsystem“.

 

 

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